Die Eröffnungsrede
Die Geburtstagsrede
Die Geburtstagsrede

Florian, jetzt ist es so weit: jetzt gehörst Du, ebenso wie ich, zu denen, die schuld sind - schuld an der ÜBERalterung, der AltenEXPLOSION; daran, daß die verpönte Pyramide sich an der falschen Stelle breitmacht.

Das Altern an sich läßt man uns wohl durchgehen, aber man erwartet es diszipliniert, rücksichtsvoll und mit Sinn für die zumutbare Dauer; die freche Maßlosigkeit der ÜBER-alterung, zu der wir uns jetzt an schicken, wird man uns noch übelnehmen. Aber wir verteidigen unsere Rechte und sind zu allem entschlossen...

Das Alter ist ja ein sehr fremdes Land für alle, die noch darauf zu gehen, kein gelobtes, eher das verwünschte; niemand drängt sich es zu betreten, und die längste Zeit betrifft es immer nur die anderen. In Natalia Ginzburg‘s schönem Aufsatz über das Alter heißt es in Erinnerung an ihre Kindheit “Im Märchen vom Rotkäppchen war uns die Figur der Großmutter am wenigsten wichtig, und es kümmerte uns überhaupt nicht, ob sie unversehrt aus dem Bauch des Wolfs herauskam ...“

Ich weiß noch gut, wie Du, als Du 50 wurdest, mich entsetzt angesehen hast: “Stell Dir doch bloß vor, in nur 10 Jahren sind wir 60 !!“ Du warst sichtlich verstört. Das hat sich dann 10 Jahre später sinngemäß wiederholt, aber schon etwas verhaltener, vorsichtiger; auch mit dem Schrecken arrangiert man sich, wenn klar wird: das ist nun deine Behausung, und eine andere Möblierung wird nicht mehr geliefert

Jetzt sind wir also 70, Du heute, ich in ein paar Monaten. Wir kennen inzwischen, was Siegfried Lenz die ‘Treulosigkeiten des Körpers‘ nennt, und die kleinen und größeren Abschiede, vor denen es kein Ausweichen gibt. A B E R - wir wissen jetzt auch: es ist auch ganz anders. Denn das, was uns genommen wird, tauscht uns das Alter in einen unerwartet reichen Gewinn - eine neugewonnene und zunehmende Freiheit, uns ungehindert für das Wichtige und Wesentliche zu entscheiden; entschlossen das Primäre vor das Sekundäre zu stellen, der eigenen Stimme statt der anderer zu folgen.

Die befürchtete Düsternis haben wir von einem freundlichen Licht erhellt vorgefunden, das uns klarer als vorher den Kern der Dinge von dem Überflüssigen trennt und, um an Klee zu denken, den Hauptweg inmitten der Nebenwege zeigt.

Der Schritt in diesen neuen Freiheitsraum des Alters mag vielleicht Dir nicht ganz so auffällig erscheinen wie etwa mir, da Du als Künstler schon als junger Mensch das entschiedene Wahlen zwischen dem Ergreifen und dem Verzichten - oder Verwerfen - eingeübt hast und mit dem ‘Eigen Sinn‘ vertraut wurdest, mit dem Du in Deiner täglichen Arbeit als Maler bis heute Deine Entscheidungen für das Wichtige und Richtige zu treffen hast.

Doch auch bei Dir glaube ich heute eine ungeduldigere Entschlossenheit zu beobachten, beiseite zu schieben, was Dich vor Jahren noch aufhalten und belasten durfte.

Dem Ruf aus dem Barock “Mensch, werde wesentlich“ - damals, in der Unterprima - dem bist Du schon gefolgt, als ich ihn noch gar nicht wirklich wahrgenommen hatte, und es ist mir bis heute rätselhaft, wie es sich bei so ungleicher Disposition ergeben konnte, daß wir seit damals einen so langen Weg zumindest in Rufweite zusammen gegangen sind und Du zugelassen hast, die Art von Loyalität und Vertrautheit wachsen zu lassen, aus der Freundschaft besteht.

Eines ist sicher: Seneca‘s Ermunterung “Glaube nur an das, was Du aus Dir selbst hervorbringst“ - dieser Lebenstreibsatz des Künstlers, war für mich immer in Dir verkörpert und hat sich so, in Dir, auch in mein Leben verflochten.

VERFLOCHTEN - das schöne Motto Deiner Ausstellung “FIGUREN, INS BILD VERFLOCHTEN“, es ist das Thema, das seit langem Deine Arbeit bewegt. Das Kraftzentrum des Geflechts, der Verflechtung, wirkt aber ja weiter:

Durch Deine Figuren und alle Deine Entscheidungen, die zum Bild geführt haben, bist Du selbst darin verflochten - und mit all denen, die Deine Bilder sehen und erleben.

Und wenn es wahr ist, daß wir das einzige wirklich grundlegende und wesentliche Gespräch unseres Lebens unablässig nur mit uns selbst aus tragen, ist ebenso wahr, daß niemand als der Künstler, dessen Werk wir gerade begegnen, an unserem Eigengespräch teilnimmt; ihm erlauben wir die Einmischung, wir erhoffen und suchen sie sogar.

Ohne die Künstler wüßten wir weniger von uns und unseren Widersprüchen, ohne Bilder wie etwa Deine Taucherbilder würden wir uns manche Fragen nicht stellen. Ich denke das oft, wenn ich in unserem Haus vor Deinen Bildern den Spuren Deiner Entscheidungen und Konflikte darin nachgehe; ich fühle mich dann gleichsam gut aufgehoben in Deiner Nähe, und dieses Eindringen des Kunstwerks in die Intimität unserer Emotion und Selbstbefragung ist ein im Wortsinne bewegender Vorgang.

Ein Vorgang auch, der nach meiner Überzeugung ebenfalls mit zunehmendem Alter der Beteiligten sich ausdehnt und vertieft.

Und damit finden wir zurück zum Phänomen des Alters speziell in seiner Bedeutung für den Künstler - und zu einem außerordentlich optimistischen Hinweis, den ich dazu in den Erinnerungen von Pablo Casals gefunden habe. Er berichtet dort, wie er im Alter von 93 Jahren von einer Gruppe kaukasischer Musiker den folgenden Brief erhalten habe:

“Lieber, hochverehrter Maestro, ich habe die Freude, Sie im Auftrage des Georgisch-Kaukasischen Orchesters einzuladen, eines unserer Konzerte zu dirigieren. Sie werden der erste Musiker Ihres Alters sein, dem die Auszeichnung zuteil wird, unser Orchester zu leiten. Niemals in der Geschichte dieses Orchesters haben wir es einem Manne gestattet, uns zu dirigieren, der weniger als 100 Jahre alt war (alle Orchestermitglieder sind über hundert!), aber wir haben von Ihrem Dirigiertalent gehört und meinen, in Ihrem Falle, unbeschadet Ihrer Jugend, eine Ausnahme machen zu sollen. Wir erwarten umgehend Ihre Zusage, Fahrtkosten und die Kosten Ihres Aufenthaltes werden ersetzt.

Hochachtungsvoll Astan Schlarba, Präsident, 123 Jahre alt.“

Florian, dieser äußerst ermutigende Bericht ermuntert mich zu der Vision und dem Wunsch, daß in immerhin absehbarer Zeit der Tag kommt, an dem Deine Jugend der uneingeschränkten Wertschätzung Deiner Arbeit nicht mehr im Wege steht und Du umringt bist von Menschen, die, überwältigt von Deinen bis dahin noch erreichten Fortschritten in ein drucksvoller Alterung, Deine Bilder nicht nur betrachten, nein, auch erwerben und besitzen wollen. In dieser Zuversicht und der Hoffnung,

daß das dann wieder ein Anlaß zum Feiern ist, zu dem wir auch wieder eingeladen werden, möchte ich, daß wir alle jetzt mit Dir anstoßen auf weitere glückliche und reiche Jahre.