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TAUCHER Den Anzug wechseln. Wanderstab gegen Bleigürtel tauschen, Rucksack gegen Sauerstofflasche. Eine neue Sphäre, fernab der vertrauten Landschaft. „Man muß abtauchen", sagt Florian Köhler, „wenn man was sehen will.“ Aufbruch. Blauer Helm, die Flossen, der Gürtel. Sich fallenlassen. Der Hund bleibt zurück. Auf Tauchstation; Verborgenes hinter fleischigen Pflanzen, ein Schatz unter dem samtgrauen Felsblock. Dort, wo es düster ist, ein Kampf? Jedenfalls schnelle Bewegungen, hektisches Glucksen, weiße Lichter, nur einen Moment lang. Dann Stille, Dunkelheit. Irgendwo Schiffe, dazwischen Gerümpel, amorphes Zeug. Oben oder unten? Ansichtssache. Die Welt will kopfstehen. Der Maler dreht die Leinwand. Der Hund legt sich quer. Nächste Schicht. Magie der Tiefe. Zwei Taucher, vermutlich Überlebende, ruhen sich aus. Die aufgewühlten Körperzeugen noch vom letzten Kampf. Eine Wunde. Das Rot versickert. Erschöpfung. Pinselspuren erzählen Geschichten, Farbkrusten haben Geschichte. Nichtsverbergen, alles aufdecken. Schwächen zeigen, freilich auch eigene. Überwindung ist nicht erforderlich. Der Künstler identifiziert sich, gehört dazu: „Meine Familie, meine alternative Gesellschaft.“ Er schafft den Spielraum. Erde gegen Wasser. Farbe gegen Farbe. Die Taucher kämpfen und lieben, Kräfte werden frei, ganz wie früher in der Landschaft. Doch unter Wasser herrschen andere Gesetze, andere Betrach- tungsweisen. Aufsichten, Untersichten. Ja, Tintoretto, der starke Beweger, konnte den Blicklenken. Bewunderung, aber keine Angst vor den alten Meistern. Im Gegenteil: Poussin über Pollock erneuern, Michelangelo. übers Jüngste Gericht integrieren. Rembrandt spendiert ohnehin die Fleischfarbe. Wissen, wo man steht; wissen, wo man herkommt. Vergangenheit ist allemal so wichtig wie die Zukunft. „Wir stellen die Echtheit des Gefühls“, haben Florian Köhler und seine Freunde vor 28 Jahren formuliert, ‚gegen die klägliche ‚Originalitätssucht der so genannten Avantgarde. Wir verzichten auf diesen Titel und das damit verbundene Prädikat NEU. Innovation ist noch immer kein vorrangiges Thema. Weder neo-informelle noch neo-expressive Strömungen tangieren den Maler. Er hat seinen eigenen Tiefgang, seine unverwechselbare, keinesfalls spontane Auseinandersetzung. Der Künstler baut seine Bilder, führt strenge Regie in Taucher-Drama, Er duldet keinen Zufall, mag seine Weltbühne noch so unaufgeräumt erscheinen: Dieses Chaos ist ein Stück Wirklichkeit, nicht mehr, nicht weniger. Langsam und skeptisch nähert er sich dem Finale. Jede Geste wird kontrolliert, jede Figur genau beobachtet. Spannung im Taucher-Bild. „Ich bin ein realistischer Maler“, betont Florian Köhler. Eine permanente Gratwanderung zwischen gegenständlichen und ungegenständlichen Elementen. Ein anstrengendes gefährliches Unternehmen, denn Realismus heißt Wahrheit, bewußtes Sehen. Abtauchen. Auftauchen. Den Anzug wechseln. Karlheinz Schmid
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